Hinweis
Die Texte, die Sie in unserem Archiv finden, wurden in den Vorjahren verfasst, sind also hinsichtlich ihres Erstelldatums nicht mehr brandaktuell. Viele Texte haben aber nichts an Fachaktualität verloren.

Bei einigen Beiträgen werden jedoch zum Beispiel Sorten, Ausprägungen oder Preise genannt, die nicht mehr den heutigen Marktbedingungen entsprechen. Wir bitten Sie, dies besonders dann zu berücksichtigen, wenn Sie die Informationen weiterverwenden möchten.

Weizen: Auf Sicherheit setzen!

    Versenden | Druckversion


Bereits zur Halbzeitbilanz der "Agenda 2000" wird eine "radikalen Neuordnung" der EU-Agrarpolitik diskutiert, um größere Mengen Getreide ohne Erstattungen exportieren zu können. Was bedeutet das für den Weizenerzeuger? Soll er in erster Linie auf Ertrag und Stückkosten achten oder lohnt zukünftig eher der Qualitätsweizenanbau? In einem Weizenforum auf den DLG-Feldtagen 2002 analysierte Sven Böse die Vermarktungssituation.

Weizenvorräte nur noch 27 % des Jahresverbrauchs
Nach zwei Jahren mit günstigen Weizenpreisen sind die Erzeugererlöse mittlerweile spürbar unter Druck geraten, die nachgebenden Weltmarktpreise schlagen auf die deutschen Erzeuger durch. Trotzdem ist Pessimismus nicht angesagt, der Futtergetreide- und Mehlbedarf wächst weltweit schneller als die Produktion. Einer Erzeugung von voraussichtlich 585 Mio t steht im kommenden Wirtschaftsjahr ein Rekordbedarf von etwa 593 Mio t gegenüber, die weltweiten Weizenvorräte sanken innerhalb der letzten fünf Jahre von 30% auf nunmehr 27 % eines Jahresverbrauchs (Abb. 1).

Vor diesem Hintergrund stimmt es bedenklich, dass der Anteil der EU am Welthandelsvolumen um ein Drittel auf nur noch 7 - 8 Prozent zu sinken droht, während gleichzeitig neue Anbieter aus Russland und der Ukraine mit gewaltigem Produktionspotential auf den Markt drängen. Dabei steht Futterweizen international unter größerem Kostendruck als Backweizen und im Inland beeinflusst zukünftig Roggen mit niedrigen MJ-Kosten dessen Preisniveau. Backweizen hingegen hat einen eigenen Markt, ist nicht durch andere Getreidearten substituierbar und in vielen Gebieten Deutschlands sicherer und wirtschaftlicher zu produzieren als in anderen EU-Regionen.

Welche Qualitätsgruppe?
Hier ist zum einen das Eliteweizensegment zu nennen, das in Abstimmung mit den Vermarktern gezielt für den Export zum Anbau kommt. Von 30 % Flächenanteil Mitte der 90er Jahre über gegenwärtig 14 % wird diese Sortengruppe zur Aussaat 2002 allerdings nur noch 10 % Anbauumfang einnehmen, wie die aktuelle Entwicklung der Vermehrungsflächen erahnen lässt. Hintergrund ist der zunehmende Ertragsabstand zu den A- und B-Weizen, der auf die im Vergleich zur Stärkebildung energieaufwendigere Proteinsynthese zurückzuführen ist.

Während sich E-Weizen auf ertragsschwächere Standorte mit geringer Gefahr der "Proteinverdünnung" konzentriert, ist in klimatisch begünstigteren Marktfruchtregionen die Produktion von A- und B-Qualitäten i.d.R. wirtschaftlicher. Einen bundesweiten Überblick über die Entwicklung der Weizenqualitäten gibt die "Besondere Ernteermittlung", die auf über zweitausend Volldruschproben und Probeschnitten der statistischen Landesämter basiert (Abb. 2). Die Trends in der Qualitätsweizenproduktion leiten sich maßgeblich aus den Ertragsrelationen der E-, A-, B- und C-Qualitätsgruppen zueinander ab. Seit Mitte der 90er Jahre sind hierbei drei Phasen zu unterscheiden:

  1. 1995 bis 1998 droschen die ertragreichsten A-Weizen Batis und Pegassos bundesweit gleich viel wie die leistungsfähigsten B- und C-Sorten, in Ostdeutschland überzeugten zudem traditionelle Eliteweizen. Der Anteil der A- und E-Qualitäten lag bundesweit bei ca. 50 %. C-Weizen wie Haven und Contra bestimmten 20 %, B-Weizen wie Ritmo und Flair ca. 30 % der Erntemenge.    
  2. 1999 gab es dann mit der Sorte Drifter und der ersten Hybridweizensorte Hybnos 1 einen spürbaren ertraglichen Fortschritt im B- und C-Segment (Abb.3):
    Mit zwei bis drei Klassen mehr Leistung gegenüber den A-Sorten - entsprechend ca. 10 % Ertragsvorteil - war die gegenläufige Beziehung zwischen Ertrag und Qualität wieder hergestellt. Die Praxis hat darauf reagiert. Zur Ernte 2001 hat sich der B-Weizenanteil beträchtlich ausgedehnt und in der Vermehrungsstatistik 2002 bestimmen B- und C-Sorten schon beinahe 60 % der Anbaufläche.    
  3. Mit Zulassung der neuen A-Sorte TOMMI könnte sich das Blatt nun wieder wenden: Die Sorte vereint Erbfaktoren so berühmter Qualitätssorten wie Monopol und Astron mit denen ertragreicher Kurzstrohweizen und erreicht das Leistungsniveau der ertragreichsten B-Sorten. Im Hinblick auf das mittelkurze Stroh und die unübertroffene Standfestigkeit entspricht sie den Erwartungen der Praxis an eine intensiv zu führende Qualitätssorte. Der mittelspäte Einzelährentyp eignet sich vor allem für mittlere und gute Böden, unter ungünstigen Anbaubedingungen sind Low-Input-Sorten wie Batis oder Pegassos zu bevorzugen, für sehr späte Saattermine wertgeprüfte Wechselweizen.

Wird Qualität bezahlt?
Gegenwärtig (5/02) liegt das Preisniveau für A-Weizen um 53 Cent über Backweizen und 90 Cent über C-Weizen, mehrjährig beträgt die Differenz  76 Cent bzw.1,32 Euro je Dezitonne (Abb.4). Bei langjähriger Betrachtung der Erzeugererlöse fällt auf, daß die Preisrelationen der Weizenqualitäten zueinander über die Jahre überraschend stabil sind. Wo also bereits bisher Qualitätszuschläge bezahlt wurden, können diese auch zukünftig eingeplant werden.

Entscheidend für die Anbauplanung sind dann noch die Ertragsrelationen. Kalkuliert man für die kommende Ernte ein Preisniveau von 11 Euro für A-Weizen, so müssen bei B-Sorten 7 % und bei Futterweizen 12 % mehr gedroschen werden, um gleich hohe Hektarerlöse zu erzielen. Entscheidend für den Einzelbetrieb sind die Preis- und Ertragsrelationen vor Ort. Mit Hilfe des Diagramms 5 können die notwendigen Erträge individuell abgeleitet werden: Für einen Hektarerlös von beispielsweise 1000 Euro müssen entweder 84,2 dt A-Weizen, 89,5 dt B- oder 94,5 dt C-Qualität je Hektar vermarktet werden. Bei einer gelungenen E-Weizenproduktion reichen hingegen 81,2 dt/ha, wobei hier 40 €/ha für höhere Aufwendungen für Stickstoff, Fungizide oder Wachstumsregler kalkuliert wurden.

Vom Discountweizen zum Lebensmittel
Was als "Qualitätsweizen" gehandelt wird, ist häufig genug ein undefinierter Haufen unterschiedlichster Aufwüchse, sortiert nach Proteingehalt. Solcher "Discountweizen" ist austauschbares Schüttgut, das einzige Verkaufsargument folglich der Preis. Interessanter für die Verarbeitung und Vermarktung sind sortenreine Partien oder solche einer abgestimmten Sortengruppe, weil dann die erheblichen Sortenunterschiede in der Mehl-, Teig- oder Volumenausbeute genutzt werden können.

Auch bei Mischpartien der B-Gruppe ist Sorgfalt geboten. Ausgewachsene, fallzahlschwache Herkünfte können eine ganze Partie "in den Keller" ziehen, das gleiche gilt für C-Sorten mit ungünstigen Teigeigenschaften. Problemlos sind hingegen C-Sorten, die allein aufgrund geringer Proteingehalte nicht als B-Weizen eingestuft wurden. Aktuell von Bedeutung ist das vor allem bei den Hybridsorten Hybnos 1 und Hybnos 2B. Auch bei geringen Rohproteingehalte erreichten sie dank ihrer komplexen Kleber/Stärke-Matrix in allen Mahl- und Backparametern mindestens B-Qualität, erst recht gilt das bei ertragsgerechter N-Versorgung und damit höheren Proteinwerten. Solche Partien entsprechen allen technologischen Ansprüchen an Backweizen und können als solche vermarktet werden.

Bei allen Diskussionen um verarbeitungstechnische Parameter darf das wichtigste Qualitätsziel nicht aus dem Auge gelassen werden - Sicherheit. Getreide als Lebens- und Futtermittel darf mittlerweile vom Landwirt nur noch vermarktet oder verfüttert werden, wenn es als gesundheitlich sicher zu beurteilen ist. Vorbeugende Maßnahmen insbesondere gegen Fusariosen gehören deshalb in das Pflichtenheft jedes Weizenerzeugers. Risikomindernde Fruchtfolgen und Anbauverfahren sowie der Anbau ährengesunder Sorten gehören in den gefährdeten Regionen zu den wichtigsten Maßnahmen im Qualitätsweizenanbau.  

Sven Böse




© 2007 Saaten Union. Alle Rechte vorbehalten - CMS+Betreuung: stichnoth.net - Impressum
109ms