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Die Texte, die Sie in unserem Archiv finden, wurden in den Vorjahren verfasst, sind also hinsichtlich ihres Erstelldatums nicht mehr brandaktuell. Viele Texte haben aber nichts an Fachaktualität verloren.

Bei einigen Beiträgen werden jedoch zum Beispiel Sorten, Ausprägungen oder Preise genannt, die nicht mehr den heutigen Marktbedingungen entsprechen. Wir bitten Sie, dies besonders dann zu berücksichtigen, wenn Sie die Informationen weiterverwenden möchten.

Braucht Hochleistungs-Genetik eine neue Produktionstechnik?

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Geht es nach den Einstufungen des Bundessortenamtes, sollte der Anbau von Tommi kein Problem darstellen. Die neue A-Sorte Tommi ist so ertragreich wie die leistungsfähigste B-Sorten und hat gleichzeitig exzellente Einstufungen in Standfestigkeit und Krankheitsresistenz. Diese Vorteile können  genauso in aufwandsreduzierten Anbauverfahren genutzt werden wie im Intensivanbau mit höchster Ertragserwartung. Zu verdanken ist das dem linearen Inputverhalten der Sorte, das sich in zweijährigen Versuchen der Saaten-Union herausstellte!

In Abbildung 1 sind die Ergebnisse der SU-Inputversuche zusammengefasst, die mit 120 bis 250 €/ha Fungizid- und Düngungsaufwand ein geringes bis hohes Intensitätsniveau abdecken. Der Vergleich der Stufen 2 zu 1 zeigt die Wirkung der späten Fungizidbehandlung, 3 zu 2 den Effekt einer höheren N-Düngung,  4 zu 3 den Nutzen einer Blattbehandlung. Mitgeprüft wurden neben Tommi vor allem leistungsfähige B-Sorten sowie die Hybriden. Beim Geldrohertrag werden neben den tatsächliche Einzelortaufwendungen für Pflanzenbehandlungen Durchfahrtskosten von 5 €/ha kalkuliert sowie Erlöse, wie sie für die konkret erreichten Qualitäten erzielt wurden.

Die Ergebnisse zeigen, das Tommi intensive  u n d  extensive Anbauverhältnisse meistert:

  1. Zum einen zeigt die Sorte eine ausgeprägte Low-Inputeignung: Bei der geringen Anbauintensität 1 fiel sie weniger stark ab als das Sortenmittel und zwar 2001 bei sehr hohem Ertragsniveau genauso wie 2002 bei ungünstigeren Ertragsvoraussetzungen.    
  2. Andereseits honorierte Tommi die zusätzliche Düngungs- und Pflanzenschutzintensität ähnlich den mitgeprüften High-Inputtypen Drifter, Maverick und Bandit. Das gilt für die zusätzliche Schossdüngung  in Stufe 3 genauso wie für die zweite Fungizidbehandlung  in Stufe 4. Insbesondere 2002 war bei beiden Maßnahmen ein höherer Ertragsanstieg zu verzeichnen als beim Sortenmittel!    
  3. Damit zeigt Tommi ein geradezu ideales, weil lineares Inputprofil: Als sehr gesunde und äußerst standfeste Sorte fällt sie kostenbereinigt kaum ab, wenn intensitätssteigernde Maßnahmen nicht zur Wirkung kommen (St.1). Umgekehrt mobilisiert die Sorte im Intensivanbau ein geradezu unglaubliches Potential und kann somit flexibel für unterschiedlichste Ertragsvoraussetzungen eingeplant werden.

Diese pauschalierten Aussagen dürfen jedoch nicht dazu verleiten, die Sorte nach "Schema F" zu fahren, denn nur mit Fingerspitzen gelingen Spitzenerträge!

Aufpassen bei DTR-Blattdürre
Tommi besitzt sehr wirksame Resistenzen gegen Mehltau. Gelb- oder Braunrost trat bisher nicht in bekämpfungswürdigem Umfang auf und frühe Septoriainfektionen verwachsen sich erfahrungsgemäß rasch. Mehr Aufmerksamkeit erfordert dagegen die DTR-Blattdürre! Bei warmer, wechselfeuchter Witterung können sich strohbürtige Primärinfektionen der bodennahen Blättern rasch in die oberen Blattetagen ausbreiten.Vor allem bei Weizenvorfrucht sowie nichtwendender Bodenbearbeitung ist in Befallslagen die Fungizidstrategie bereits zum Schossbeginn auf DTR auszurichten. Sind auf dem fünften Blatt von oben die typischen Symptome zu erkennen, sollten 30 - 50 % der zugelassenen Aufwandmenge eines Strobilurin/Azol-Kombipräparats zusammen mit der CCC- bzw. Halmgrundbehandlung ausgebracht werden. Wenn Trockenphasen eine frühe, epidemische  Ausbreitung verhindern und ebenso nach Blattvorfrucht genügt jedoch häufig die Spätbehandlung: Sind vor dem Ährenschieben am viertobersten Blatt (F-3) Symptome zu erkennen, sollte sich die Mittelwahl und die Aufwandmenge der Abschlußbehandlung an den höheren Ansprüchen der DTR-Bekämpfung ausrichten.

Ährengesundheit nicht überfordern
Die Resistenz gegen Cercosporella wird vom Tommizüchter Dr. Ralf Schachschneider als überdurchschnittlich eingeschätzt - der Großelter "Ralf" wurde gerade im Hinblick auf die bessere Cercosporellatoleranz eingekreuzt. Das Befallsgeschehen am Halmgrund wird jedoch von weiteren Faktoren und Erregern bestimmt, deshalb ist bei zeitig gesätem Stoppelweizen eine Fußbehandlung gemeinsam mit der DTR-Bekämpfung einzuplanen. Dabei ist auch zu berücksichtigen, daß die Einzelährenleistung der Sorte TOMMI gegenwärtig nur von den den leistungsfähigsten C-Sorten übertroffen wird. Jeder Halm - und dessen ungestörte Versorgung! - zählt also "doppelt".

Hinsichtlich Ährenfusarium ist Tommi mit gering bis mittel ("4"), bei Spelzenbräune sogar mit gering ("3"). 2002 überdeckte jedoch vielerorts saprophytischer Fusariumbefall die erwarteten Sortenunterschiede. Dieser wurde begünstigt durch die stark verzögerte Abreife und zeigte vielerorts nicht die gewohnten Sortenunterschiede nach Blüteninfektion. Die Erfahrungen zeigen, daß die Resistenzen der Sorte Tommi gegen Ährenfusarium nicht überbeansprucht werden dürfen, kritische Risikoakkumulationen sind also zu vermeiden.

Wo hochinfektiöses Weizen- und vor allem Maisstroh nicht untergepflügt wurde, kann bei befallsfördenden Witterungsbedingungen eine gezielte Blütenbehandlung mit den empfohlenen Azolen den Kornbefall mit Fusariosen reduzieren. Hochdosierte Blattbehandlungen sind hingegen ebenso wie eine überzogene N-Versorgung zu vermeiden, weil sie die Entwicklung verzögern und die Infektionszeit für den Erreger verlängern.  

Bestandesförderung mit Streuer, Spritze und Walze
Als sogenannter "Einzelährentyp" "strebt" Tommi zu Bestandesdichten um gut 500 Ähren - und steht damit ca. 15 % dünner als übliche Sorten. Dank der geringeren Triebkonkurrenz körnt Tommi jedoch phantastisch ein und erreicht dabei ein mittelhohes TKG um ca. 50 g.  

Soll man nun die geringere Bestandesdichte als Minimumfaktor begreifen und mit früher Bestellung, hoher Saatstärke oder betonter Andüngung gegensteuern? Zur sortengerechten Saatzeit und Saatstärke von Tommi führt die Saaten-Union seit zwei Jahren Versuche durch, die in den Folgebeiträgen veröffentlicht werden. Was die Andüngung angeht, so liegen aus 2002 von erfolgreichen Praktikern gute Erfahrungen mit einer Andüngung bis 60 kg/ha vor, auch 2003 empfielt sich bei der verbreitet eher verhaltene Vorwinterentwicklung und den leergewaschenen Oberböden eine rechtzeitige und wohlbemessene Andüngung.

Allerdings sollte Tommi nicht gegen seine Natur in höhere Triebdichten gedrängt werden. Erfahrungsgemäß reagieren  gerade Sorten mit hoher Haupttriebsdominanz wie Tommi empfindlich eine erhöhte Triebkonkurrenz. Auch ist zu bedenken, daß eine überhöhte Ia-Startgabe in erster Linie die weitere Bestockung und damit unproduktive Frühjahrstriebe provoziert. Dabei ist Tommi von Natur aus frohwüchsig und keineswegs "bestockungsfaul", reduziert jedoch aufgrund seiner ausgeprägten Haupttriebsdominanz Nebentreibe früh und zügig. Wo Tommi im Frühjahr weniger als vier kräftige Bestockungstriebe aufweist, kann mit eine Ib-Gabe zum Bestockungsende (EC 29) wirksamer der Triebreduktion entgegengewirkt werden als mit überzogenen Startgaben (Tabelle 1).

Einen ebenfalls bestandesfördernden Effekt hat der zeitige Wachstumsreglereinsatz während der Bestockungsphase. Dieser senkt ähnlich wie ein "Stickstoffstoss" die Dominanz des Haupttriebs, gleichzeitig nimmt dieser aufgrund der größeren Blattfläche mehr Wirkstoff auf. Jeder Vermehrer kennt die "egalisierende" Wirkung von CCC, die allerdings nur unter günstigen Wachstumsbedingungen zu erwarten ist.

Auch ackerbauliche Eingriffe können dazu beitragen, die vegetative Entwicklung zu fördern. Dazu gehören

  • die Wiederherstellung des Bodenschlusses hochgefrorener Böden mit der Glattwalze    
  • die Bestockungsanregung dünner Bestände mit der Rauhwalze    
  • die Verbesserung des Gasaustausches und damit der N-Mobilisierung verkrusteter Böden mit Rauhwalze oder Striegel

Wichtig ist hierbei der Zeitpunkt: Die Glattwalze muß vor dem Vegetationsbeginn eingesetzt werden, die Rauhwalze oder der Striegel erst nach Ende des Frosts auf abgetrockneten Böden.

Eine völlig andere Situation zeigt sich in weitentwickelten Beständen, wie sie in milden Beckenlagen und bei sehr frühen Saatzeiten vorherrschen. Hier kommt Tommi zur Hauptbestockung oder gar schon abgeschlossener Bestockung aus dem Winter. Die Konkurrenz zwischen und innerhalb der Pflanzen ist bereits extrem stark, gleichzeitig ist der verfügbare Stickstoff aus den oberen Bodenschichten leergesaugt, so dass hier mindestens 60 kgN/ha als Startgabe fallen sollten, die Schossergabe kann sich dafür auf 40-60 kg/ha beschränken.

Spätgaben bis 100 kg N/ha
Wo mit bisherigen A-Weizensorten 90 dt/ha mit 13 % Rohprotein geerntet wurden, sind es mit Tommi durchschnittlich 95 dt/ha mit 13,6 % Rohprotein. Daraus resultiert ein Mehrertrag von 1,2 dt Rohprotein je Hektar und ein höherer N-Entzug von 10 % bzw. 25 kg/ha, noch größer sind die Unterschiede im Vergleich zu C-Sorten (Tab.2). Weil der Nährstoffbedarf für das Systemwachstum[1] der mittelkurzen Sorte Tommi  nicht höher ist, fällt dieser Mehrbedarf vorwiegend in die Kornfüllungsphase. Die pflanzenverfügbaren Bodenvorräte sind zu diesem Zeitpunkt i.d.R. aufgebraucht, so daß sich bei Tommi eine betonte Spätdüngung in Abhängigkeit vom zu erwartenden Ertrags empfielt (1kg N je dt), höhere Gaben als 100 kg sind allerdings nicht zu vertreten und gefährden die ungestörte Kornfüllung und gesunde Abreife.

CCC, Moddus oder Etephon?
Mit der Lagernote "2" ist Tommi vom Bundessortenamt standfester als jede andere verbreitete Sorte eingestuft. Bis zu einem Ertragsniveau von circa. 80 - 85 dt/ha benötigt Tommi bei angepasstem Anbau keine  Einkürzung, ein großer Vorteil in Anbauverfahren ohne Wachstumsreglereinsatz (z.B. MEKA). Im Hochertagsbereich mit Erträgen um 100 dt/ha und mehr ist dagegen eine Halmstabilisierung als Versicherungsmaßnahme unverzichtbar, bei Frühsaaten, Stoppelweizen und in üppigen Beständen unbedingt gesplittet. Auch wird die Standfestigkeit maßgeblich von den Anbaubedingungen mitbestimmt. Letztes Jahr war zu beobachten, das Tommi nach sehr zeitiger Aussaat und übermäßiger Nachbestockung im warmen Februar 2002 vergleichsweise dünne Halme bildete und nicht die erwartete Standfestigkeit zeigte, während sie umgekehrt in Anbauregionen mit gemäßigterer Entwicklung und Aussaaten um Anfang Oktober eine der wenigen Sorten war, die bis zur Ernte standen! Empfehlungen für die Terminierung und Dosierung der Wachstumsregler sind deshalb mit der Beratung vor Ort abzustimmen:

  • In den Frühsaatregionen der norddeutschen Küsten, wo Weizen generell länger wird und Wachstumsregler zudem schwächer wirken, empfehlen namhafte Berater nach den Erfahrungen des vergangenen Jahres Tankmischungen, z.B. 2 l/ha CCC mit 0,3 l/ha Moddus - gesplittet in EC 29/30 und 31/32.    
  • In den ostdeutschen Börden planen Praktiker eine einmalige Einkürzung z.B. mit 0,5 CCC + 0,2 Moddus in EC 31/32 und halten sich die Option offen, gezielt in EC 39 - 45 mit Etephon nachzuarbeiten.    
  • In südlicheren Regionen sowie nach Spätsaaten, wo es mehr auf eine Kräftigung des unteren Internodiums ankommt, sollte die erste CCC-Gabe mit etwa 1,0 l/ha bereits zur Bestockung ausgebracht werden, bei Bedarf können dann in EC 31/32 0,2 - 0,3 l/ha CCC nachgelegt werden.

Braucht Hochleistungsgenetik eine neue Produktionstechnik?
Nein, Sorten mit speziellen Ansprüchen haben kaum eine Chance auf Zulassung und gute Zahlen in LSV mit Standardbehandlung, Erfolgssorten sind vielmehr gekennzeichnet durch ein enormes Kompensationsvermögen! Je weiter der Landwirt allerdings das höhere Ertragspotential neuer Sorten ausreizt, um so mehr Minimumfaktoren der Ertragsbildung tun sich auf. Spitzenbetriebe mit sorten- und schlagspezifischer Produktionstechnik erzielen deshalb heute vielfach höhere Erträge als sie in Exaktversuchen mit "starrer" Produktionstechnik zu erreichen sind.

Sven Böse



[1] Gemeint ist der Pflanzenbestand in der Summe seiner Ertrags a n l a g e n. Auf das Systemwachstum folgt das eigentliche Produktwachstum in den angelegten Speicherzellen.

 


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