Ertrag oder Qualität? Diesem Zielkonflikt kann der Landwirt bei der Sortenwahl nicht ganz ausweichen. Zum einen braucht er einen möglichst hohen Nährstoffertrag, um seine Futterkosten zu verringern. Für hohe Leistungen im Stall zählt andererseits der höchstmögliche Energiegehalt und für Spitzenleistungen zudem die Zellwandverdaulichkeit. Um Ertrag und Qualität zu einer Entscheidungsgröße zusammenzufassen, müssen zunächst die Ansprüche an die Futterqualität und dann deren Wertschätzung im Vergleich zum Ertrag definiert werden. Hier ein Vorschlag, abgeleitet aus einer Kalkulation in praxisnah Extra – Mais: 1. Bei extensiver Milchproduktion bis ungefähr 4000 l Herdenleistung ist 1% Energiedifferenz zwischen Maissorten gleichzusetzen mit 1% Ertragsdifferenz. Weil Sortenunterschiede im Ertrag mehrfach größer sind als Energieunterschiede, sind die ertragreichsten Sorten hier am attraktivsten. 2. Bei höheren Milchleistungen ab etwa 6000 l steigt die Bedeutung der Qualität dramatisch an. 1% Energiegehalt ist jetzt schon doppelt so wertvoll wie 1% Energieertrag. Bei 8000l ist die Energiedichte viermal höher und bei 10000l ist die Energiedichte sogar sechsfach stärker zu gewichten als der Energieertrag1) . 3. Bei Spitzenherden über 8000 l Jahresleistung reicht zudem der Energiegehalt nicht mehr als alleiniges Energiekriterium aus. In diesem Leistungsbereich ist der Stoffwechsel der Tiere enorm angespannt, zusätzlich zum Energiegehalt gewinnt die Pansensynchronisation an Bedeutung, und damit auch die Zellwandverdaulichkeit. Hinterbänkler nach vorn! Die entscheidende Frage für die Sortenwahl ist nun: Ändert sich die Rangfolge der Sorten in ihrer Vorzüglichkeit, wenn man die Ertragsleistung entsprechend der Qualitätsunterschiede korrigiert? Die Antwort ist eindeutig ja, wie die Analyse zweier LSV-Beispiele beispielhaft belegt. In Abb.1 verbessert sich die qualitativ hochwertigste Sorte Ravenna von 99 auf 109% relativ, entwickelt sich also vom Hinterbänkler zur Spitzensorte. Umgekehrt muss die am besten bewerteste Sorte im Energieertrag bei dieser Berechnung gewaltig Federn lassen, sie verschlechtert sich von 105 auf rel. 95! Ein zweites Beispiel aus Süddeutschland: einjährig, dafür auch mit neueren Sorten (Tab.1). Bemerkenswerterweise ergibt sich beim Energieertrag keine andere Sortenreihenfolge als beim Trockenmasseertrag, dieses Leistungskriterium bringt also kaum weiter! Aus „Sicht“ einer 8000 l Kuh – die Qualitätsunterschiede werden jetzt vierfach gewichtet - ändert sich die Sortenrangfolge hingegen dramatisch. Die beiden leistungsfähigsten Sorten tauchen plötzlich gar nicht mehr auf den ersten 10 Plätzen auf, umgekehrt rücken Qualitätssorten wie APOSTROF in die Spitzengruppe. Kalkulationen dieser Art sind vorsichtig zu behandeln, weil die Bewertung der Qualitätsunterschiede letztlich eine individuelle unternehmerische Entscheidung ist. Die Beratung kann nur auf den Sachverhalt hinweisen, dass sich bei qualitätsorientierter Leistungsbewertung die Sortenrangierung „auf den Kopf stellen“ kann. Jedenfalls dürfte es heute nicht mehr ausreichen, bei der Bewertung von Qualitätsunterschieden den „Ersatzkostenwert“ über Änderungen im Kraftfuttereinsatz zu kalkulieren. Denn Silomais als hochwertiges Raufutter ist nicht allein durch Maisstärke im Kraftfutter aufzuwiegen. Nicht Stärke ist in maisbetonten Rationen oder hoher Getreidefütterung heute der energetische Minimumfaktor, sondern vielmehr die Zellwandverdaulichkeit, die bei Mais von Natur aus ziemlich schlecht ist. Diese Zusammenhänge werden im neuen KNV-Konzept der SAATEN-UNION berücksichtigt, wo jede Sorte entsprechend beschrieben und konkreten Fütterungssituationen zugeordnet wird. Verdaulichkeit der Gerüstsubstanzen (VNDF) Für die Bewertung der Zellwandverdaulichkeit wird bei der KNV-Prüfung momentan die Verdaulichkeit der Gerüstsubstanzen (NDF) herangezogen. Nach Ansicht von Fütterungswissenschaftlern ist dies sinnvoller als der umgekehrte Weg, die Bewertung der wenig verdaulichen Fraktionen ADF oder Lignin. Die Diskussion hierzu ist jedoch noch nicht abgeschlossen, zumal wertvolle Erkenntnisse etwa aus Dänemark, Holland oder Frankreich berücksichtigt werden sollten. Abb. 2 zeigt auszugsweise KNV-Ergebnisse aus 2003 über drei Reifesortimente. Danach unterscheiden sich die Proben - in ihrer Gesamtverdaulichkeit um bis zu 4 %,
- im Stärkegehalt um bis zu 14%
- und in der NDF-Verdaulichkeit um bis zu 8% - jeweils absolut.
Ein Verdaulichkeitsniveau von beispielsweise 75 % wurde mit 37 % Stärkegehalt erreicht, aber eben auch mit 25 %: Eindeutig identifizieren lassen sich Sorten im Qualitätstyp Tango und Ravenna, die viel Stärke und eine hohe Zellwandverdaulichkeit gleichzeitig erreichen und damit ideal sind für grasbetonte Rationen und die Bullenmast. Auch sind Sorten zu erkennen, die einen mittleren Stärkegehalt mit einer guten NDF-Verdaulichkeit von 50 % und höher kombinieren. Hierzu gehören Doppelnutzungssorten wie APOSTROF, Anjou 219 und ATFIELDS sowie Magister. „Kühe würden Tango kaufen“ Die Diskussion um die Futterqualität von Silomais ist eine unendliche Geschichte und gewinnt bei dem heutigen Leistungsstand der Tiere noch an Brisanz. Hierzu gibt es eine große Vielfalt an Erfahrungen und Ergebnissen, die berücksichtigt werden sollten. Zwar gibt es immer noch Bundesländer, in denen nicht einmal der Energiegehalt der geprüften Maissorten beschrieben wird! Die meisten Länderdienststellen vermitteln jedoch ein sehr differenziertes Bild über die Qualitätsaspekte und zukünftig ist sogar eine NIRS-Kalibration für die Verdaulichkeit der Gerüstsubstanzen verfügbar. Zwei alte „Weisheiten“ gehören jedoch endgültig ins Altpapier. Der erste, „Silomais ist ein nicht ganz reif gewordener Körnermais“, trübt bis heute gerade in Deutschland den differenzierten Blick auf 70% der Maisinhaltsstoffe. Der zweite, „Man soll Mais nicht mit den Augen einer Kuh betrachten“, ist genauso wenig widerkäuergerecht und an Ignoranz kaum zu überbieten. Denn gerade das sollen wir doch als Futterbauer: den Mais aus Sicht unserer Tiere bewerten! Sven Böse, SAATEN-UNION Fachberatung 1) Zur Ableitung dieser Gewichtungsfaktoren siehe praxisnah Extra-Mais. Im Hochleistungsbereich ist die Bewertung von Vorteilen im Energiegehalt z.T. spekulativ, soweit sie auf höherer Zellwandverdaulichkeit beruht. Denn diese verbessert auch die Verdaulichkeit der Gesamtration und Futteraufnahme, fördert die Gesundheit, die Nutzungsdauer, kürzere Zwischenkalbezeiten etc.
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